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Lernvoraussetzungen beim Kompetenzerwerb im Religionsunterricht

Prof. M. Rothgangel & Prof. D. Grube
H. Schmidt

Fragestellung und Ziele:
Der Religionsunterricht soll Schülerinnen und Schüler darin unterstützen, eine Identität zu finden, sich selbst in ethischen und anderen Fragen ein Urteil zu bilden, andere Positionen zu verstehen und ihnen tolerant zu begegnen (vgl. Kerncurriculum für das Fach Evangelische Religion am Gymnasium, Schuljahrgänge 5-10, Niedersachsen, Arbeitsfassung 09/2008). Zu diesem Zweck werden die Schüler dazu angehalten, sich mit ethischen Fragestellungen auseinanderzusetzen. Eine gängige Methode besteht in der Arbeit mit Texten zu existentiellen bio-ethischen Problemen, die ein Dilemma beinhalten und ein Abwägen zwischen sehr verschiedenen Pro- und Contra-Argumenten erfordern.

Zur Gestaltung guten Unterrichts und zur Förderung eines optimalen Kompetenzerwerbs müssen Lehrkräfte die bei den Schülern gegebenen Lernvoraussetzungen berücksichtigen. Individuelle Lernvoraussetzungen für den Wissenserwerb in einzelnen Domänen sind ausgiebig untersucht worden. Hier hat sich vor allem das Vorwissen (das vor der Lernepisode bereits verfügbare Wissen) als bedeutender Prädiktor für den Wissenserwerb herausgestellt. Demgegenüber liegen kaum Erkenntnisse über den Wissenserwerb im Rahmen der Auseinandersetzung mit Dilemma-Problemen vor, bei denen die Berücksichtigung ganz unterschiedlicher Domänen notwendig ist. Daher stellt sich die Frage, ob das Lernen anhand von Texten, die auf einer interdisziplinären bio-ethischen Diskussion fußen, den gleichen Prinzipien folgt wie das Lernen anhand von Texten zu einer einzelnen Wissensdomäne. Außerdem stellen sich Fragen zur Rolle von Einstellungen von Schülerinnen und Schülern zum vorgegebenen Problem und zur wechselseitigen Beeinflussung von Einstel¬lungen und Vorwis¬sen im Zuge der Auseinandersetzung und des Wissenserwerbs mit Texten zu Dilemmasituationen. Diesen Fragen soll im vorliegenden Dissertationsprojekt nachgegangen werden: Schülerinnen und Schüler im elften Schuljahr des Gymnasiums bearbeiten einen Text zu einem bio-ethischen Dilemma. Dabei wird im Rahmen eines Prä-Post-Follow-up-Designs der Wissenserwerb und die Veränderung von Einstellungen im Kontext verschiedener Vorwissens- und Einstellungsvariablen erfasst. Ziel ist die Analyse der Wechselwirkungen von Vorwissen, Einstellungen und motivationalen Lernvoraussetzungen beim Wissenserwerb.

Es werden Erkenntnisse erwartet die Lehrerinnen und Lehrern dabei helfen, relevante Lernvoraussetzungen für die Auseinandersetzung mit bio-ethischen Fragestellungen zu erkennen, aufzubauen und zugunsten des Kompetenzerwerbs zu nutzen.