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This is the http://kiwi.uni-psych.gwdg.de/congress/gor-2001/contrib/jaekel-michael/jaekel-michael Document.

Main Author: Jaekel, Michael

Co-Authors: Uhlitzsch, Manuel ; Wilkens, Rainer ;

Institution: INRA Deutschland GmbH, Mölln, WEB. DE AG, update GmbH

Contribution Title: Forschung mit dem Internet über das Internet: Positionierung von E-Mail im Wettbewerb mit anderen Kommunikationsmedien.

Authors Email: michael.jaekel@inra.de

URLs:
http://www.inra.de


Abstract German (version: 25/06/2002 - 07:47, size: 2414)
German: Untersuchungsanlage

Die Studie wurde im Oktober 2000 von INRA Deutschland GmbH im Auftrag der WEB.DE AG durchgeführt.

Sampling und Erhebungsmethode: Grundgesamtheit bilden private Internet-User in Deutschland im Alter ab 14 Jahren. Die Erhebung erfolgte als internetbasierte Online-Befragung im inr@quest-Access-Panel. Die Panelisten wurden at random in bevölkerungsrepräsentativen Offline-Studien rekrutiert. Befragt wurden n=1.000 Internet-User.

Zu erklärende Variable ist die Nutzung der Kommunikationsmedien E-Mail, Telefonat, persönliches Gespräch, SMS, Fax, Brief, Postkarte, operationalisiert als:
1. Nutzungshäufigkeit / aktive Mediennutzung pro Woche
2. Nutzungspräferenz in experimentell variierten Situationen

Als Determinanten(gruppen) wurden berücksichtigt:
1. Personale Determinanten (Demographie, ausgewählte Persönlichkeitsmerkmale)
2. Medienspezifisches Involvement (kognitiv, emotional)
3. Situationsmerkmale (6 Dimensionen; nur bei Zielvariable Nutzungspräferenz)

Ergebnisse

Das Erklärungsmodell ist hochsignifikant. Nutzungshäufigkeit und Nutzungspräferenz werden jeweils zu ca. 44% erklärt.

Die Mediennutzung einer Person wird entscheidend beeinflusst durch
1. die Situation, in der sich die Person befindet: Personenübergreifende Verhaltensmuster, sog. Kommuniketten, kristallisieren sich deutlich heraus.
2. das medienspezifische Involvement dieser Person.

Der direkte Einfluss demographischer und psychographischer Merkmale ist von untergeordneter Bedeutung, der indirekte Einfluss von beträchtlicher Bedeutung: ? Verschiedene Personen verhalten sich in derselben Situation ähnlich.
? Aber: Bestimmte Personen befinden sich häufiger in bestimmten Situationen.

Aus dieser Grundlage ergibt sich folgende Ist-Positionierung von E-Mail im Wettbewerb der Kommunikationsmedien: E-Mail ist ein (faszinierendes) Medium und für formale, weniger dringende Angelegenheiten des Alltags.

Ausblick

Das Marketing von E-Mail-Anbietern wird Kommuniketten und damit die Positionierung und Mediennutzung verändern:
? Neue Produkte/Features ermöglichen die Nutzung von E-Mail in weiteren Situationen.
? Die Kommunikation zielt darauf, weitere Situationen als E-Mail-geeignet wahrzunehmen.


English: Research Design

The present survey was conducted in October 2000 by INRA Deutschland GmbH on behalf of WEB.DE AG.

Sampling and methodology: The universe consisted of home internet users of 14 years and older in Germany. The survey was conducted as an internet-based online interview using the inr@quest access panel. Panelists were recruited at random in representative offline surveys. In total n=1.000 interviews were conducted.

The dependent variable is the usage of the communication media e-mail, telephone, face-to- face, SMS, fax, letter, postcard, operationalised as:
1. Frequency of usage / active media usage per week
2. Usage preference in experimentally varied situations

The following (groups of) determinants have been taken into account:
1. Individuum: Demography, personality
2. Media-specific involvement (cognitive, emotional)
3. Chracteristics of the situation (6 dimensions; only for the variable ’usage preference’)

Results

The explanatory model is highly significant. Frequency of usage and usage preference were each explained to a degree of approx. 44%.

Media usage is fundamentally influenced by:
1. the situation in which a person happens to be: clear global behaviour patterns, so-called communiquettes emerge.
2. the media-specific involvement of that person.

The direct influence of demographic and psychographic characteristics is only of secondary importance, whereas their indirect influence does have considerable significance:
? Different people react to the same situation in similar ways.
? But: certain people are liable to find themselves in certain situations more often.

On the basis of the above, the current positioning of e-mail in the competitive world of communication media is as follows: e-mail is a (fascinating) medium, and is for the formal, less urgent matters in everyday life.

Prognosis

E-mail providers‘ marketing strategies will modify the communiquettes and thus alter both positioning and media usage:
? New products/ features will enable e-mail to be used in more situations.
? Communications will focus on making consumers perceive more situations as being appropriate for e-mail usage.


Article (version: 25/06/2002 - 07:47, size: 21784)

Forschung mit dem Internet über das Internet:
Positionierung von E-Mail im Wettbewerb mit anderen Kommunikationsmedien



1        Hintergrund und Zielsetzung

E-Mail und andere neue Kommunikationsmedien haben unsere Möglichkeiten zur Kommunikation erheblich erweitert. Die neue Vielfalt ist von hoher Relevanz für Alltag und Wirtschaft:
  • Unsere Alltagskommunikation ist einem tiefgreifenden Wandel unterworfen. Der Südamerikaner aus derselben Newsgroup kann mittlerweile "näher" sein als der Nachbar "von gegenüber".
  • Die Anbieter von Kommunikationsmedien und -produkten stehen in einem intensiven Wettbewerb: WEB.DE konkurriert mit Yahoo!, und beide wiederum konkurrieren mit der Deutschen Telekom, der Deutschen Post Worldnet etc..
Zielsetzung der Studie ist die Bestimmung der Ist-Positionierung von E-Mail im Wettbewerbsumfeld hinsichtlich verhaltensrelevanter Kriterien. Entsprechend dieser Zielsetzung lauten die beiden zentralen Fragestellungen:
  • Einflussfaktoren:
    Welche Personen nutzen in welchen Situationen welche Kommunikationsmedien?
            – Welche Einflussfaktoren sind relevant, welche nicht?
            – Welche Rolle spielen personale und situative Einflussfaktoren?

  • Positionierung:
    Wie positioniert sich E-Mail im Wettbewerb mit anderen Kommunikationsmedien?
             – Welche Medien konkurrieren mit E-Mail, welche sind eher komplementär?
             – Welches sind die spezifischen Stärken und Schwächen von E-Mail?

Die Ist-Positionierung bildet eine wichtige Informationsgrundlage für die Entwicklung von

  • Optionen für eine tragfähige Soll-Positionierung von E-Mail und
  • erfolgversprechenden Produkten und Werbemitteln.


2       Untersuchungsanlage


2.1    Erhebungsmethode und Sampling

Die Erhebung erfolgte als internetbasierte Online-Befragung. Die Stichprobe umfasste n=1.000 Internet-Nutzer in Privathaushalten in Deutschland ab 14 Jahren, die im Zeitraum vom 29.09.2000 bis 10.10.2000 interviewt wurden.

Die Studie wurde im inr@quest-Panel durchgeführt, dem Online-Panel von INRA Deutschland. Das Sampling erfolgte nach anerkannten Verfahren der Zufallsauswahl:

  1. Zufallsauswahl der inr@quest-Panelisten in bevölkerungsrepräsentativen Studien (offline)
  2. Zufallsauswahl der Befragungsteilnehmer im inr@quest-Panel
Die Daten wurden entsprechend aktuellen Strukturzählungen aus den INRA-Mehrthemenumfragen gewichtet.

Dieses Sampling erzielt das Maximum an Repräsentativität für private Internet-Nutzer, das heute in der Online-Marktforschung möglich ist. Der Arbeitskreis Deutscher Markt- und Sozialforschungsinstitute e.V. und andere Verbände empfehlen deshalb dieses Vorgehen, um Repräsentativität für Internet-Nutzer zu erreichen (ADM, ASI, BVM und D.G.O.F 2001).

Das inr@quest-Panel unterscheidet sich deutlich von jenen Panels,
  • die "passiv" rekrutiert sind ("Selbstrekrutierung"), was einer elementaren methodischen Anforderung an die Stichprobenziehung nicht genügt: Das durchführende Institut muss das Auswahlverfahren eindeutig definieren. Ansonsten sind (unkontrollierte) Verzerrungen der Stichprobe zu erwarten.
  • die online rekrutiert sind, was mit hoher Wahrscheinlichkeit dazu führt, dass Intensiv-Nutzern des Mediums Internet überproportional vertreten sind.
Dementsprechend sind in der Stichprobe dieser Studie auch Nicht-Intensiv-Nutzer des Mediums Internet angemessen vertreten.


2.2     Erklärungsmodelle und Operationalisierung der Variablen

Welche Personen nutzen in welchen Situationen welche Kommunikationsmedien? Um diese zentrale Fragestellung zu beantworten, wurden drei Erklärungsmodelle entwickelt (s. Abb. 1).

Zur Erklärung der Mediennutzung wurden drei Modelle entwickelt, die personale und situative Einflussfaktoren berücksichtigen.


Modell A (Nutzungshäufigkeit)

Die Nutzung der Kommunikationsmedien wird als aktive Nutzungshäufigkeit gemessen. Hierzu gaben die Befragten an, wie häufig sie in einer "typischen Woche" die verschiedenen Medien nutzen (Anzahl gesendeter E-Mails, Faxe etc.).
Dieses Modell berücksichtigt folgende Einflussfaktoren:
  • Kommunikationsmedium
    E-Mail / Telefon / persönliches Gespräch / Fax / SMS / Brief / Postkarte.
  • Soziodemographie
    Alter, Geschlecht, Schulbildung, Berufstätigkeit.
  • Persönlichkeit
    Introversion / Extraversion, Gemütsruhe / Enthusiasmus sowie Technikaffinität / Nicht-Technikaffinität, basierend auf Auszügen aus dem 16pf-Inventar (Schneewind, Schröder, Cattell 1986).
  • Involvement (medienspezifisch):
    Kognitives Involvement (Items "wichtig" und "essenziell") und emotionales Involvement (Items "faszinierend" und "reizvoll"), entsprechend dem zweidimensionalen Produktinvolvement-Konzept von Zaichkowski (1987).
  • Situation:
    Welche Situationen die Befragten in einer "typischen Woche" erleben, konnte in dieser Befragung nicht erfasst werden. Deshalb wurden im Interview Situationen vorgegeben, die in den Modellen B und C als Einflussfaktoren berücksichtigt werden.

Modell B (Nutzungspräferenz in allgemeinen Situationen)

Im Interview werden allgemein charakterisierte Situationen vorgegeben und die Nutzungspräferenz erhoben (Abb. 2 links zeigt ein Beispiel).
Die Situationsbeschreibungen variierten hinsichtlich der geforderten Reaktionszeit, der Bekanntheit des Empfängers, der erwarteten emotionalen Reaktion, der Formalität der Mitteilung sowie dem Zeitpunkt. Pro Interview wurden 6 aus 72 Situationen zufällig ausgewählt und sukzessive vorgegeben.
Hinsichtlich der anderen Einflussfaktoren sind die Modelle B und A identisch.

Modell C (Nutzungspräferenz in konkreten Situationen)

Unter Vorgabe konkret beschriebener Situationen wird die Nutzungspräferenz analog Modell B gemessen.
Insgesamt wurden 28 verschiedene Situationen aus dem privatem und dem beruflichen Bereich konkret beschrieben; pro Interview wurden 6 Situationen zufällig ausgewählt und sukzessive vorgegeben (Abb. 2 rechts zeigt ein Beispiel).
Aufgrund der Vielzahl von Situationen erfolgte keine varianzanalytische Auswertung. Die Positionierung der Medien in konkreten Situationen wurde mit einer Korrespondenzanalyse ermittelt (siehe Abschnitt 3.2).

Dieser Auszug aus dem Fragebogen zeigt die Erhebung der 1. Präferenz für ein Kommunikationsmedium in einer allgemein und in einer konkret beschriebenen Situation.


3        Ergebnisse


3.1    Einflussfaktoren der Nutzung von Kommunikationsmedien

Die erste zentrale Fragestellung lautete:

Welche Personen nutzen in welchen Situationen welche Kommunikationsmedien?

Die Nutzung eines Kommunikationsmedium (Modell A) bzw. die Präferenz (Modell B) kann jeweils zu ca. 44% varianzanalytisch erklärt werden – ein ausgesprochen guter Wert (s. Abb. 3).

Die errechnete Stärke der einzelnen Einflussfaktoren hängt maßgeblich davon ab, ob situative Einflüsse berücksichtigt werden (Modell B) oder nicht (Modell A):

  • Situation:
    Die Situation ist die mit Abstand wichtigste Einflussfaktorengruppe – sie erklärt in Modell B mehr Varianz als alle anderen Einflussfaktoren zusammen.
  • Soziodemographie und Persönlichkeit:
    Die Bedeutung personaler Einflussfaktoren nimmt in Modell B gegenüber Modell A geradezu dramatisch ab. Somit nutzen verschiedene Personen zwar unterschiedlich häufig verschiedene Kommunikationsmedien (Modell A), in derselben Situation fällt ihre Wahl jedoch ähnlich aus (Modell B).
  • Kommunikationsmedium:
    Die Art des Kommunikationsmediums ist ebenfalls weitaus weniger wichtig, wenn die Situation berücksichtigt wird. Bestimmte Medien werden also häufiger genutzt als andere, aber es gibt nur eine schwache situationsunabhängige Präferenz für bestimmte Medien.
  • Involvement:
    Das medienspezifische Involvement bleibt in Modell B gegenüber Modell A in etwa gleich bedeutend, mit einer Verschiebung vom kognitiven zum emotionalen Involvement.


Durch die Berücksichtigung situativer Merkmale (Modell B) schwindet der Einfluss personaler Merkmale. Das bedeutet: Die Situation prägt unmittelbar die Wahl des Kommunikationsmediums; personale Merkmale sind indirekt von Bedeutung.

Zwischenfazit

Die Wahl des Kommunikationsmediums wird entscheidend von der Situation geprägt, in der sich eine Person befindet. In einer gegebenen Situation ist der direkte Einfluss von Merkmalen der Person nur von untergeordneter Bedeutung. Da sich unterschiedliche Personen deutlich in ihrer Mediennutzung unterscheiden, existiert ein starker indirekter Einfluss personaler Merkmale.
Aus diesen Ergebnissen folgt:

  • Verschiedene Personen verhalten sich in derselben Situation ähnlich.
  • Aber: Bestimmte Personen befinden sich häufiger in bestimmten Situationen als andere.
  • Die Kausalkette lautet Person ® Situation ® Medium.


3.2    Positionierung von E-Mail im Wettbewerb

Die zweite zentrale Fragestellung lautete:

         Wie positioniert sich E-Mail im Wettbewerb mit anderen Kommunikationsmedien?

Da die Wahl des Kommunikationsmediums unmittelbar durch die Situation geprägt ist, muss eine verhaltensrelevante Positionierung an den situativen Stärken und Schwächen der Medien ansetzen. Diese wurden für allgemein charakterisierte Situationen (Modell B) und für konkret beschriebenen Situationen (Modell C) ermittelt.


3.2.1 Positionierung in allgemein charakterisierten Situationen

Als allgemeine Situationsmerkmale, die für das Verhalten und damit auch für die Positionierung am wichtigsten sind, wurden varianzanalytisch ermittelt (s. Abb. 3):

    1.  Zeitfaktor: Geforderte Reaktionszeit
    2.  Vertrautheit: Bekanntheit des Empfängers
    3.  Emotionalität: Erwartete emotionale Reaktion

Die Positionierung von E-Mail hinsichtlich dieser drei wichtigsten allgemeinen Situationsmerkmale (Modell B) wird durch eine Korrespondenzanalyse illustriert (s. Abb. 4).

Abgebildet sind die 6 Kommunikationsmedien und die 3 wichtigsten Dimensionen entsprechend dem Ergebnis der Varianzanalyse. Je näher ein Kommunikationsmedium an einer Situation positioniert ist, desto stärker die Präferenz für dieses Medium in dieser Situation.
Die Stärken von E-Mail liegen insbesondere in den Situationen, die keine sofortige Antwort erfordern und bei emotional unproblematischen Mitteilungen.

Situative Stärken und Schwächen der Medien

1. Geforderte Reaktionsgeschwindigkeit
In den Situationen, in denen eine Antwort "nicht unbedingt" oder erst "in den nächsten Tagen" erforderlich ist, hat E-Mail besondere Stärken. Dies gilt auch für Fax, Brief und Postkarte. Ist dagegen eine Echtzeit-Antwort erforderlich, werden das Telefon und das persönliche Gespräch bevorzugt. Die SMS wird hier als 'Zwitter' eingestuft (s. Abb. 4).

2. Bekanntheit des Empfängers
E-Mail wird etwas stärker präferiert, wenn der Empfänger "nicht gut bekannt" ist als wenn er "gut bekannt" ist – ähnlich dem Fax, dem Brief und der Postkarte. Die SMS gleicht hier dem Telefon sowie dem persönlichen Gespräch.

3. Erwartete emotionale Reaktion
Die Stärken von E-Mail liegen bei Mitteilungen, die "erfreulich" oder "weder erfreulich noch unerfreulich" sind, also emotional unproblematischen Angelegenheiten. Dies gilt erst recht für die SMS. Dagegen bleibt "Unerfreuliches" dem persönlichen Gespräch und dem Brief vorbehalten. Die anderen Medien – Telefon, Fax, Postkarte – zeigen sich hier indifferent.

Komplementarität und Konkurrenz

E-Mail ist derzeit zwischen Telefon, SMS, Postkarte und Fax positioniert; diese Medien sind die unmittelbaren Konkurrenten. Komplementär zu E-Mail sind das persönliche Gespräch und der Brief.


3.2.2 Positionierung in konkret beschriebenen Situationen

Die Positionierung von E-Mail hinsichtlich konkret beschriebener Kommunikations-Situationen (Modell C) wurde ebenfalls mit einer Korrespondenzanalyse ermittelt (s. Abb. 5).

Abgebildet sind die 6 Kommunikationsmedien und die 28 konkreten Situationen, nach inhaltlicher Ähnlichkeit zusammengefasst zu 6 Gruppen (I, II...). Je näher ein Kommunikationsmedium an einer Situation bzw. einer Situationen-Gruppe positioniert ist, desto stärker die Präferenz für dieses Medium.
Die besonderen Stärken von E-Mail liegen derzeit im formalen privaten Alltag (Situationen Gruppe I).

Situative Stärken und Schwächen der Medien

Die insgesamt 28 Situationen gruppieren sich nach formaler Ähnlichkeit (rechnerisches Ergebnis) und inhaltlicher Ähnlichkeit (gemeinsames Experten-Urteil) zu 6 Gruppen:

I Formaler privater Alltag
Alltägliche formale Angelegenheiten im privaten Bereich, wie
– ein Hotelzimmer reservieren,
– neue Anschrift der Bank mitteilen,
– etwas bei einem Versandhaus bestellen,
sind die besonderen Stärken von E-Mail, bei denen es mit dem Fax konkurriert.

II Formaler beruflicher Alltag
Bei formalen Angelegenheiten im beruflichen Bereich, die in der Kommunikation einen Beurkundungscharakter erfordern, wie
– ein Angebot abgeben,
– einen Treuerabatt gewähren,
werden Brief und Fax präferiert. In Frage kommt außerdem das (Verkaufs-)Gespräch.

III Existenzfragen
Bei elementaren und zutiefst emotionalen Angelegenheiten, wie
– einen Heiratsantrag machen,
– Beileid bei Trauerfall bekunden,
– von Vorgesetzten höheres Gehalt fordern,
wird das persönliche Gespräch oder ein Brief gewählt.

IV Problemsituationen
Bei problematischen Angelegenheiten, die negative emotionale Reaktionen erwarten lassen, wie
– einen Arzttermin verschieben,
– die Schwiegermutter ausladen,
– den "Urlaubsflirt" beenden,
wird das Telefon oder der persönliche Gespräch gewählt. Hier bietet eine synchrone Kommunikation den Vorteil, Negativreaktionen unmittelbar aufzufangen bzw. (emotionale) Probleme sofort zu lösen.

V Informaler privater Alltag
Informale Kommunikations-Situationen aus dem privaten Alltag, wie
– mit Freunden fürs Wochenende verabreden
– mit Freunden / Bekannten Neuigkeiten austauschen
– zum Geburtstag gratulieren
sind die Stärken von Telefon, SMS und des persönlichen Gespräches.

VI Traditionelle Postkartensituationen
In den beiden traditionellen Postkarten-Situationen
– den "Kunden ein frohes Weihnachtsfest wünschen",
– die "Liebsten aus dem Urlaub grüßen",
bleibt die Postkarte auch bei Internet-Nutzern das Medium der 1. Wahl; allerdings ziehen sie auch E-Mails in Betracht.

Konkurrenz und Komplementarität

Hinsichtlich der konkreten Situationen ergibt sich eine vergleichbare Positionierung wie hinsichtlich der allgemeinen Situationen: E-Mail ist zwischen Telefon, SMS, Postkarte und Fax positioniert, die Konstellation dieser Medien zueinander ist ebenfalls gleich. Persönliches Gespräch und Brief werden auch hier als komplementär zu E-Mail wahrgenommen.


4        Fazit

Kommen wir auf die beiden zentralen Fragestellungen zurück:

  • Welche Personen nutzen in welchen Situationen welche Kommunikationsmedien?
  • Wie positioniert sich E-Mail im Wettbewerb mit anderen Kommunikationsmedien?

Einflussfaktoren

Die Nutzung bzw. die Wahl des Kommunikationsmediums ist unmittelbar von der Situation geprägt. Personale Merkmale beeinflussen indirekt die Mediennutzung, indem sich verschiedene Personen unterschiedlich oft in verschiedenen Situationen befinden.

Positionierung

Die Ist-Positionierung von E-Mail lässt sich charakterisieren als Medium für alltägliche Geschäfte und Mitteilungen. Besondere Stärken von E-Mail sehen die Internet-Nutzer in Deutschland in jenen Situationen, die keine Echtzeit-Antwort erfordern sowie bei emotional unproblematischen Angelegenheiten.
Konkurrenten von E-Mail sind Fax, Telefon, SMS und Postkarte. Brief und persönliches Gespräch werden als eher komplementär zu E-Mail wahrgenommen.
Die derzeitige Positionierung von E-Mail erweist sich als (noch) nicht unique. Dies ist für neue Produkte durchaus typisch: Spezifische Einstellungs- und Verhaltensmuster müssen sich erst entwickeln und verfestigen.
 

5        Ausblick

Wenn situative, personenübergreifende Verhaltensmuster für das Kommunikationsverhalten prägend sind – wie diese Studie bei privaten Internet-Nutzern in Deutschland zeigt –, dann brauchen wir hierfür eine passende Begrifflichkeit. Mit dem Ziel, Kommunikationsverhalten besser beschreiben, erklären und prognostizieren zu können, schlagen wir deshalb vor, den von Freyermuth (2000) eingeführten Begriff der Kommunikette auf Verhaltensweisen zu erweitern:

Kommunikette º

- Situatives Muster des Kommunikationsverhaltens,
- das personenübergreifend gültig ist, d. h. für den überwiegenden Teil einer Gesellschaft oder für (Sub)Kulturen und
- das temporär bzw. veränderlich ist.

Aussagen über Kommuniketten sollten demnach drei Dimensionen berücksichtigen: die Situation, die Gesellschaft und die Zeit.
Ein allgemeiner Forschungsbedarf ergibt sich insbesondere hinsichtlich folgender Themen:

  • Messkonzept/Messung:
    Welches sind die relevanten bzw. interessierenden Merkmale einer Kommunikette, und wie sollen sie gemessen werden?
  • Hypothesen/Theorien:
    Welche Gruppen sind die Innovatoren neuer Kommuniketten? Unter welchen Bedingungen diffundieren Kommuniketten in welche Gruppen?

In Hinblick auf die Zukunft der E-Mail-Kommunikation wären speziell die folgenden Punkte von Interesse:

  • Verfestigung und Veränderung von Kommuniketten im Zuge der Diffusion:
    Wie wird die Diffusion der E-Mail-Kommunikation in weitere Schichten und Milieus bestehende Kommuniketten verändern?
  • Tragfähigkeit der Position von E-Mail für unterschiedliche Kommuniketten:
    Kann das Medium E-Mail sowohl eine unverbindliche Geschäftsanbahnung als auch rechtsverbindliche Geschäftsabschlüsse leisten?

Wie diese Studie zeigt, lohnt es sich für die E-Mail- und Kommunikationsforschung, zukünftig den Blick stärker auf situative Determinanten sowie deren Wechselwirkungen mit personalen Merkmalen zu richten als bisher. Mit anderen Worten: Wer Kommunikation verstehen will, muss Kommuniketten verstehen.


Literatur

ADM, ASI, BVM, D.G.O.F.: Standards zur Qualitätssicherung für Online-Befragungen, Mai 2001.

Freyermuth, G. (2000): Kommunikette: Verbindliche Regeln im digitalen Verkehr steigern die Effizienz. c't, Nr. 12, 92-97.

Schneewind, K., Schröder, G., Cattell, R. (1986): Der 16-Persönlichkeits-Faktoren-Test (16 PF), Testmanual. 2. Aufl., Bern, Stuttgart, Toronto: Verlag Hans Huber.

Zaichkoswki, (1987): The Emotional Aspect of Product Involvement. Advances in Consumer Research, Vol. 14, 32-35.