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This is the http://kiwi.uni-psych.gwdg.de/congress/gor-2001/contrib/contrib/silberer-guenter/contrib/weichbold-martin/weichbold-martin Document.

Main Author: Weichbold, Martin

Co-Authors: Siegetsleitner, Anne ;

Institution: Institut für Kultursoziologie, Paris-Lodron-Universität Salzburg

Contribution Title: Ethische Aspekte einer Online-Befragung.

Authors Email: martin.weichbold@sbg.ac.at

URLs:
http://www.sbg.ac.at/soz/people/weichb/wb.htm


Abstract German (version: 25/06/2002 - 07:47, size: 1863)
German: Der Stellenwert ethischer Aspekte im Rahmen der Onlineforschung ist ein zwiespältiger: Zwar ist den Forschenden ihre Notwendigkeit bewusst, zumal mit den technischen Möglichkeiten auch die Risiken enorm gestiegen sind, andererseits scheint mit ihrer Berücksichtigung oft auch ein Mehraufwand oder eine Einschränkung in den Forschungsmöglichkeiten verbunden. Die Autoren zeigen anhand einer WWW-Umfrage (im nachhinein), dass es über die bekannten Problembereiche wie das Setzen von Cookies oder die Speicherung von IP-Adressen hinaus eine Reihe von weiteren Entscheidungen im Forschungsprozess gibt, bei denen ethische Fragen mit zu bedenken sind. Die untersuchte Umfrage wurde an der Universität Salzburg im Rahmen einer Diplomarbeit durchgeführt und ist in ihrer Art wohl typisch für viele derzeit durchgeführte Online- Surveys.

Für ihre Analyse werden – auf einer mittleren Abstraktionsebene – mehrere ethische Prinzipien unterschieden, um zu einer differenzierten Bewertung gelangen zu können: Schadensminimierung, Nutzenmaximierung, Selbstbestimmung, Gerechtigkeit. Damit kann gezeigt werden, dass ethische Fragestellungen keinesfalls Ja-Nein-Entscheidungen sind, sondern sorgfältige Abwägungen von Vor- und Nachteilen, bei denen durchaus auch die einzelnen ethischen Prinzipien zueinander in Spannung stehen können.

Ergebnis sind Vorschläge jenseits eines „moralischen Zeigefingers„, wie durch verschiedene Maßnahmen die ethische Qualität von Onlineforschung gehoben werden kann. Ziel der Ausführungen ist, Forschungsethik nicht als notwendiges Übel und Restriktion zu begreifen, die ihr Einsatzgebiet vor allem in feierlich verabschiedeten Richtlinien findet, sondern als aktive Anforderung an eine gute Forschung.


English: The attributed importance of ethics in online research is a conflicting one: On the one hand, researchers are aware of its necessity, as not only the technical possibilities but also the risks have increased. On the other hand, its consideration often seems to mean additional expense or a restriction of research possibilities.

The authors will show (retrospectively) with a WWW-survey that there are – well known problematic aspects like setting a cookie or saving IP-addresses aside – additional decisions in a research process where ethical considerations have to be taken into account. The survey in question was carried out at the University of Salzburg as part of a master thesis and is probably a typical example of current online surveys.

For its analysis we will distinguish several ethical principles – on a medium abstract level – in order to arrive at a discriminating evaluation: minimizing harms, maximizing benefits, autonomy, justice. By this, we will show that ethical questions are not at all yes/no decisions but often a well-considered balancing of advantages against disadvantages in which the principles themselves may be in discrepancy.

As results we will present some proposals – beyond a moralizing attitude – how the ethical quality of online research can be improved by several measures. The purpose of the presentation is to consider research ethics no longer as a necessary evil and restriction which is primarily applied in solemnly passed guidelines but as an active requirement to good research.


Article (version: 25/06/2002 - 07:47, size: 22907)
Martin Weichbold (Institut für Kultursoziologie der Universität Salzburg)
Anne Siegetsleitner (Forschungsinstitut für angewandte Ethik der Universität Salzburg)

Ethische Aspekte einer Online-Befragung

Einleitung

Sozialforschung kann es sich heute nicht (mehr) leisten, auf das Prädikat "ethisch unbedenklich" zu verzichten, zumal sich die gesamte wissenschaftliche Forschung einer ständigen gesellschaftlichen Legitimierung stellen muss. Mit dem Einsatz sozialforscherischer Methoden in Computernetzen, insbesondere im Internet, hat die Forschungsethik einen neuen Stellenwert erreicht, da mit der Vernetzung und der elektronischen Verarbeitung der Daten auch die Möglichkeiten zu deren Missbrauch potenziert wurden.

Sozialforscher/innen sind in der Regel weder Ethiker/innen noch Jurist/inn/en. Forschungsethik wird daher meist als ein angesichts schwarzer Schafe in der Branche notwendiges Übel betrachtet, das den Forschungsfortschritt eher hemmt: Selbst hat man ja nie die Absicht, jemand anderem zu schaden. Ihren Ausdruck findet die Forschungsethik zum einen in gesetzlichen Regelungen, zum anderen in selbst auferlegten Verhaltenscodizes von Berufsvereinigungen und Standesvertretungen. Das Verhältnis der meisten Sozialforscher/innen zum Thema Ethik ist wohl: möglichst nie mit diesem Thema zu tun bekommen.

Der Stellenwert der Ethik wird auch im Internetportal www.online-forschung.de deutlich: Sie gehört natürlich zum Thema, aber eben am Rande und wurde dementsprechend unter der letzten Kategorie "Drumherum" eingereiht. Ob diese Einordnung bewusst gemacht wurde oder ob sie sich einfach "ergeben" hat - ich denke, dass sie symptomatisch ist für die Rolle der Ethik in der Sozialforschung.

Mit dem Begriff Forschungsethik werden meist die Gegensatzpaare richtig - falsch bzw. gut - schlecht verbunden, wobei die Betonung eindeutig auf dem negativen Pol liegt: Für den Fall, dass man sich "ethisch problematisch" verhält, werden Sanktionen und Ächtung angedroht. Wir wollen für einen anderen Zugang zur Forschungsethik plädieren, einen Zugang, der über den Gegensatz gut - schlecht hinausgeht und nicht nur auf eine Einschränkung der Forschertätigkeit abzielt.

Zu Beginn steht die Überlegungen, dass "Ethik" kein eindimensionales und damit auch kein eindeutiges Bewertungskriterium ist, sondern eine Reihe unterschiedlicher und mitunter auch gegensätzlich wirkender Facetten aufweist. Ziel ist es, ein Raster zu entwickeln, das nicht nur ethische Grenzen der Forschung aufzeigt (wie dies die gesetzlichen oder Standesregelungen tun), sondern das in den vielen Entscheidungsprozessen der Forschung hilft, mögliche Probleme im vorhinein zu vermeiden, und Verbesserungsvorschläge liefert. Ergebnis wird nicht unbedingt ein "richtiges" Forschungsdesign sein, aber vielleicht ein insgesamt "besseres".

Was ist "ethisch problematisch"?

In unserer Bewertung orientieren wir uns an vier ethischen Prinzipien , die in ethischen Fragen heute üblicherweise als Orientierungsrahmen dienen (1): (A) dem Prinzip der Selbstbestimmung (Autonomie), (B) dem Prinzip der Übelminimierung, (C) dem Prinzip der Wertsteigerung und (D) dem Prinzip der Gerechtigkeit. Philosophisch gesehen handelt es sich dabei um Prinzipien mittlerer Abstraktionsebene, die von den unterschiedlichen ethischen Theorien wie beispielsweise der Kantischen oder jener des Utilitarismus gestützt werden und von einem breiten Konsens (zumindest in unserer Gesellschaft) getragen werden. Erfahrungen in der Praxis haben gezeigt, dass Debatten auf dieser Ebene fruchtbringender sind als rein theoretische Auseinandersetzungen.

(A) Autonomie

Das Prinzip der Autonomie basiert auf der Annahme, dass Menschen über die Fähigkeit verfügen, einen rationalen Plan zur Umsetzung ihrer Vorstellung von einem guten Leben zu entwickeln. Das Prinzip der Autonomie fordert die Respektierung dieser Fähigkeit. So soll es jemandem nicht unmöglich gemacht werden, autonome Entscheidungen zu treffen. Um eine autonome Entscheidung treffen zu können, müssen jedoch Bedingungen erfüllt sein. Wer autonom entscheidet, muss

1. hinreichend verstehen, worüber er/sie entscheidet und was diese Entscheidung nach sich zieht (hierzu muss er/sie wiederum urteilsfähig und informiert sein)
2. von steuernden Einflussnahmen anderer Personen frei sein.

Wer die Ansichten und Pläne anderer ignoriert, diese vereitelt oder andere bewusst falsch informiert oder manipuliert, respektiert daher ihre Autonomie nicht. Heute gilt das Prinzip der Autonomie meist als wichtigstes Prinzip; eine autonome Zustimmung bedeutet quasi einen ethischen Persilschein. Das Prinzip der Autonomie gilt als Basis aller Rechte auf Privatsphäre und Datenschutz. Besonders das Datenschutzrecht der Bundesrepublik Deutschland ist ausdrücklich als Recht zur sogenannten "informationellen Selbstbestimmung" konzipiert. In Debatten um den Datenschutz steht deshalb häufig die Frage nach einer informierten Einwilligung im Mittelpunkt. Vor diesem Hintergrund ist auch das Bestreben zu sehen, Einwilligungen von Forschungsteilnehmer/inne/n zu erhalten.

(B) Minimierung von Übel

Das Prinzip der Übelminimierung, das im Alltag meist seinen Ausdruck in der Forderung findet: "Füge niemandem ein Übel zu!", kann wohl als ethische Minimalforderung gesehen werden. In dieser Formulierung geht es nur darum, nicht selbst neues Übel (neuen Schaden, neues Leid) zu verursachen. Das Prinzip der Übelminimierung umfasst jedoch auch das Gebot, neues Übel zu verhindern und bereits vorhandenes Übel zu beseitigen. Was nun als Übel zu werten ist und in welchem Ausmaß Übel zu verhindern und zu beseitigen ist, ist durchaus Gegenstand ethischer Diskussionen. Die philosophische Ethik gibt nicht vor, hier alle Antworten parat zu haben!

(C) Steigerung von Nutzen

Eine Ethik verlangt meist nicht nur, Übel zu minimieren, sondern auch Positives zu schaffen und zu unterstützen. Es wird verlangt, anderen zu helfen und Gutes zu tun (ihr Wohlbefinden, ihre Lebensqualität usw. zu erhöhen). Nicht zuletzt die Wissenschaft sucht ihre gesellschaftspolitische Legitimation immer wieder in diesem Prinzip.

(D) Gerechtigkeit

Das letzte der vier Prinzipien ist das Prinzip der Gerechtigkeit. Bei allen Unterschieden ist den meisten Gerechtigkeitstheorien ein formales Prinzip gemein, das zumindest bis auf Aristoteles zurückgeht: Gleiche Fälle sollen gleich behandelt werden, ungleiche ungleich. Damit ist noch nicht gesagt, welches Kriterium für den Vergleich herangezogen werden soll. Darin unterscheiden sich die Ansätze: die einen orientieren sich am Verdienst, die anderen an Bedürfnissen. Im übrigen sind es nicht immer nur Güter, die es zu verteilen gilt, sondern auch Lasten.

Typische Probleme der Gerechtigkeit in Forschungsfragen sind:
· Sollen alle Betroffenen gleich viele Vor- und Nachteile durch die Untersuchung haben?
· Profitiert jemand (bzw. eine Gruppe), die wenig oder kaum dazu beigetragen hat, besonders stark von einer Untersuchung?
· Hat jemand (bzw. eine Gruppe) besonders viel beigetragen, profitiert jedoch nicht davon?

Gleich vorweg: Diese vier Prinzipien geben auf ethische Fragen keine eindeutigen Antworten. Sie können untereinander in Konflikt geraten und oft muss eine Entscheidung fallen, welches Prinzip Vorrang hat. Die Verantwortung dafür wird nicht abgenommen. Dennoch sind sie sehr hilfreich, wenn es darum geht, ethische Probleme eines Forschungsvorhabens zu entdecken und nicht zu leichtfertig oder unüberlegt über wichtige Fragen hinwegzugehen. Nicht selten lassen sich Forschungsabläufe so abändern, dass auf mehreren dieser Dimensionen ein höherer Wert erreicht wird. Oft gelingt dies sogar ohne Abstriche beim Forschungsziel.


Ein Beispiel

Das ethische Bewertungsraster soll an einer Internet-Befragung verdeutlicht werden, die Ende letzten Jahres im Rahmen einer Diplomarbeit durchgeführt wurde (2). Das Raster wird im Nachhinein an diese Befragung angelegt. Thema der Befragung war die Bewertung des Internetauftritts einer Tourismusdestination (Stadt Salzburg) durch die Besucher der Site, verbunden mit Fragen zum Informations- und Buchungsverhalten bei Urlaubsreisen allgemein und üblichen Angaben zur Person. Darüber hinaus sollten mit der Untersuchung Methodeneffekte getestet werden, d.h. die Form der Befragung wurde nach verschiedenen Gesichtspunkten variiert, um Unterschiede in der Attraktivität der Ankündigung und im Antwortverhalten feststellen zu können.

Zur ethischen Bewertung ist es zunächst notwendig, die an der Befragung Beteiligten zu differenzieren. Grob gesprochen stehen den "Durchführenden" die Teilnehmer gegenüber. Zu den "Durchführenden" zählen wiederum Personen oder Institutionen mit unterschiedlichen Interessen am Projekt (Auftraggeber, dessen Seite evaluiert wurde; Diplomand, der die Untersuchung durchführte; Betreuer der Diplomarbeit; jene Firma, auf deren Server die Umfrage installiert wurde). Wir gehen davon aus, dass sich alle Beteiligten informiert und freiwillig an dem Projekt beteiligten und lassen Überlegungen zum Verhältnis der Durchführenden untereinander beiseite (etwa ob die Relation zwischen Kosten und Nutzen für alle gerecht war). Im Blickpunkt steht eine ethische Bewertung von vier Problembereichen in der Gegenüberstellung von Durchführenden und Teilnehmern anhand des vorgestellten Rasters. Alternativvorschläge sollen zudem "bessere" Lösungen aufzeigen.


Problem 1: Über das offensichtliche Thema der Umfrage hinaus war ein Methodenexperiment Teil des Untersuchungsdesigns. Den Befragten wurden unterschiedliche und per Zufallsgenerator ausgewählte Versionen des Fragebogens vorgelegt, um Ankündigungs- und Fragebogeneffekte zu untersuchen. Die Befragten wurden über diesen Teil der Untersuchung nicht informiert.
Ethische Bewertung: Dieser Bereich war zentrales Thema der Diplomarbeit und damit Kern der Untersuchung. Dem Nutzen für die Durchführenden steht die beschnittene Autonomie der Befragten gegenüber: ihre Teilnahme erfolgte ohne volle Information darüber, was mit ihren Angaben über das offenbare Thema der Befragung hinaus passiert, strenggenommen kann man also nicht von einer informierten Zustimmung sprechen. Andere Aspekte sind hier nicht berührt, die Befragten hatten durch diese Vorgangsweise weder einen zusätzlichen Nutzen noch einen Schaden. Der Gerechtigkeitsaspekt wird geringfügig dadurch berührt, dass das Ausfüllen je nach Fragebogenversion unterschiedlich viel Zeit (und damit Kosten) erforderte. Da auch in der aufwendigsten Fragebogenfassung die mittlere Dauer für das Ausfüllen bei 15 Minuten lag, ist dieser Aspekt jedoch vernachlässigbar.

  Autonomie Übelminimierung Wertsteigerung Gerechtigkeit
Teilnehmer
!
- -
- -
- -
Durchführende
- -
- -
!
- -

Alternativen: Da eine Information über die Methodenuntersuchung vor der Befragung für den Zweck der Befragung kontraproduktiv gewesen wäre (und den Nutzen der Untersuchung in diesem Punkt gefährdet hätte), wäre eine Information im Nachhinein denkbar. Diese hätte die Autonomie der Befragten freilich nur erhöht, wenn damit die Möglichkeit bestanden hätte, den Datensatz wieder zu löschen (also die Zustimmung nach vollständiger Information wieder zurückzuziehen).

Problem 2: Neben den Antworten auf die Fragen wurden Datum und Uhrzeit, Browserversion und Bildschirmauflösung erhoben. Zur Kontrolle der Mehrfachteilnahme wurde ein Cookie gesetzt und die IP-Adresse protokolliert.
Ethische Bewertung: Die Daten wurden zum einen zur Feststellung diverser Einflussfaktoren, zum anderen zur Vermeidung eines Bias durch Mehrfachteilnahmen erhoben, also um aus Sicht der Durchführenden (Erkenntnis-)Wert zu steigern und Schäden zu minimieren. Für die Teilnehmer war dadurch keine Steigerung des Nutzens gegeben, (negativ) betroffen sind aus ihrer Sicht aber die Bereiche "Übelminimierung" und "Autonomie". Bei der Frage eines Schadens ist ein solcher zwar tatsächlich nicht eingetreten, zu berücksichtigen ist aber auch die Möglichkeit eines solchen, etwa infolge Missbrauchs der erhobenen Daten durch Dritte.
Was eine mögliche Verletzung der Autonomie betrifft, ist zu diskutieren, wie viel Wissen um technische Vorgänge beim Surfen im Internet bei den Usern vorausgesetzt werden kann. Im Rahmen der Umfrage wurde nicht darauf hingewiesen, dass die oben genannten Daten mit erhoben werden. Man könnte sich nun darauf berufen, dass diese Angaben bei jeder Datenübertragung automatisch generiert werden; auch Cookies können nur gesetzt werden, wenn der User es zulässt. Tatsächlich ist aber die Standardeinstellung der Browser so, dass Cookies zugelassen werden; vielen Usern dürfte das gar nicht bewusst sein. Das Vorhandensein einer "informierten Einwilligung" ist jedenfalls fraglich, ebenso ob die Information auch bezüglich ihrer Konsequenzen hinreichend verständlich ist.

 

  Autonomie Übelminimierung Wertsteigerung Gerechtigkeit
Teilnehmer
?
?
- -
- -
Durchführende
- -
!
!
- -

Alternativen: Zunächst ist zu klären, welche Daten für eine Untersuchung tatsächlich gebraucht werden. Allein die Tatsache, dass eine Information vorhanden ist, erfordert ja nicht, dass diese auch verarbeitet werden muss. Werden solche Daten also benötigt, kann das Risiko eines Schadens und ein möglicher Schaden selbst möglichst gering gehalten werden, indem bekannte Maßnahmen gesetzt werden (getrennte Speicherung personenbezogener Daten; Löschen dieser Angaben, sobald sie nicht mehr benötigt werden; Zugangskontrolle zu Daten). Bezüglich der Autonomie der Befragten sind Verbesserungen schwieriger: ein expliziter Hinweis kann kontraproduktiv sein und dem Untersuchungszweck zuwiderlaufen, wenn dadurch viele User (vor allem solche, die über die technischen Vorgänge nicht oder nur unzureichend Bescheid wissen) abgeschreckt werden (vgl. "Mustertext für die Einwilligung in die Einrichtung eines ‚Cookies' zu Forschungszwecken" des ADM).

Problem 3: Die Antworten wurden nicht auf dem Server des Auftraggebers, sondern auf dem einer dritten Firma gespeichert. Die Befragten wurden davon nicht in Kenntnis gesetzt. Nach Ende der Befragung wurden sie automatisch wieder zur ursprünglichen Adresse zurückgeleitet.
Ethische Bewertung: Die Gründe für diese Vorgangsweise waren zum einen praktischer Natur, weil der Programmierer auf "seinem" Server leichteren Zugang hatte. Zudem hatte der Auftraggeber Sicherheitsbedenken (wollte also "Schaden vermeiden") . Dem steht seitens der Teilnehmer wieder eine Beschneidung ihrer Autonomie gegenüber, da sie über die Vorgangsweise nicht informiert wurden. Dazu kommt die Frage eines möglichen Schadens; da durch die Weiterleitung der Daten auf den anderen Server mehr Personen potentiell Zugang zu den Daten haben, steigt auch die Möglichkeit eines Datenmissbrauchs.

 

  Autonomie Übelminimierung Wertsteigerung Gerechtigkeit
Teilnehmer
!
?
- -
- -
Durchführende
- -
!
!
- -


Alternativen: Bei der gewählten Vorgangsweise ist eine Verbesserung durch verstärkte Sicherung gegen Datenmissbrauch angezeigt. Hinsichtlich der Autonomie der Teilnehmer ist abzuwägen, wie sehr ein Hinweis auf den Wechsel zu einem anderen Server die Teilnehmer verunsichern könnte und daher kontraproduktiv wäre. Beide Problembereiche wären vermieden worden, wenn die Sammlung der Daten auf dem Server des Auftraggebers erfolgt wäre. Das hätte im Gegenzug einen höheren Aufwand für Klärung und Beseitigung der Sicherheitsbedenken und eine umständlichere Administration bedeutet.

Problem 4: Einem Teil der Besucher der Website wurde ein Gewinnspiel angekündigt, der Rest wurde um die Teilnahme an einer Befragung gebeten. In beiden Fällen war derselbe Fragebogen zu beantworten, auch jene, die an der "Umfrage" teilnahmen, erhielten nach der letzten Frage die Gewinnmöglichkeit.
Ethische Bewertung: Während für die Durchführenden der Wunsch nach Erkenntnissen über die Wirkung unterschiedlicher Ankündigungen den Ausschlag für dieses Untersuchungsdesign gab, war es den Teilnehmenden gegenüber eine Frage der Gerechtigkeit, die Gewinne unter allen, die die Fragen beantwortet haben, zu verlosen. Streng genommen war es zwar eine Einschränkung der Autonomie, dass die "Umfrage"-Teilnehmer zunächst nichts von der Gewinnmöglichkeit wussten, angesichts des zusätzlichen (zumindest potentiellen) Nutzens dürfte das aber nicht schwer wiegen. Für die Durchführenden bedeutete diese Vorgangsweise zudem keinen zusätzlichen Aufwand.

 

  Autonomie Übelminimierung Wertsteigerung Gerechtigkeit
Teilnehmer
?
- -
!
!
Durchführende
- -
- -
!
- -

 

Resümee

Mit dem von uns verwendeten Ansatz gibt es keine "ethisch korrekte" Konzeption und Durchführung einer Befragung und daher auch kein Patentrezept. Im Laufe eines Projektes sind jedoch viele Entscheidungen zu treffen, die ethische Aspekte bei Beteiligten in unterschiedlicher Weise betreffen, was Abwägungen erfordern kann. Mitunter bedeutet eine Entscheidung zugunsten des einen Prinzips zugleich eine Entscheidung zulasten eines anderen. Oft ist es aber auch möglich, mit geringen Abstrichen bei einer Dimension einen weitaus größeren Vorteil in einer anderen zu erreichen. Das vorgestellte Analyseraster macht mögliche Problemfelder bewusst. Eine Entscheidung kann und will es dem Forscher aber nicht abnehmen.

 

Anmerkungen

(1) Gut verständlich dargelegt finden sich diese Prinzipien in Beauchamp, T.L. und Childress, J.F. (1994): Principles of Biomedical Ethics, 4. Auflage. Oxford University Press.

(2) Ergebnisse dieser Untersuchung im Artikel von Rager/Weichbold in diesem Band.