GOR 2001 Homepage

Contributions

Abstracts
Articles

article-info

Indices
first-author-index
complete-author-index

Management - Staff only
Infos

GOR 2001 - content

This is the http://kiwi.uni-psych.gwdg.de/congress/gor-2001/contrib/contrib/silberer-guenter/contrib/cornelius-caroline/cornelius-caroline Document.

Main Author: Cornelius, Caroline

Co-Authors: ;

Institution: eResult GmbH - eCommerce Research & Consulting, Göttingen

Contribution Title: Best Match zwischen Forschungsfrage und Design von Online-Fokus-Gruppen.

Authors Email: Caroline.Cornelius@caro-online.com

URLs:


Abstract German (version: 25/06/2002 - 07:47, size: 2473)
German: Die Vorteile von Online-Fokus-Gruppen gegenüber Face-to-Face-Gruppendiskussionen werden gegenwärtig vor allem darin gesehen, dass sie zeit- und kostenökonomisch, flexibel und international durchzuführen sind. Sie wirken aufgrund des „Reiz des Neuen“ (noch) als Incentive bei der Rekrutierung. Die früher aufwendig zu erstellenden Transkripte der Diskussionen werden als automatische Protokolle gleich mitgeliefert, was eine erhebliche Erleichterung der anschliessenden quantitativ-qualitativen Analyse und Ergebnispräsentation darstellt. Das textbasierte Medium "Computerkonferenzen" ermöglicht so Fokus-Gruppen zu einer breiteren Facette von Fragestellungen, in dichteren Zeitintervallen und/oder mit grösseren Stichproben.

Darüber hinaus hält sich in der Literatur die Vorstellung, dass die Teilnehmenden in Online-Fokus-Gruppen aufgrund der visuellen Anonymität mehr Offenheit im Anwortverhalten, mehr Selbstoffenbarungen und weniger soziale Erwünschtheit zeigen als in FtF (Joinson, 2001). Dabei wird jedoch übersehen, dass nicht per se die Medienmerkmale zu diesen Gruppenergebnissen führen, sondern das spezifische Variablen im Design der Online-Fokus-Gruppen oben genannte Effekte hervorrufen aber auch unterdrücken können. Postmes, Spears und Lea (1999) gehen davon aus, dass das Medium lediglich eine reliablere Manipulation des Gruppenkontexts ermöglicht als in Face-to-Face-Gruppen, da in letzteren ideosynkratische Merkmale der Gruppenmitglieder eine Vorhersage der Gruppendynamik erschweren.

Der zentrale Vorteil von Online-Focus-Gruppen, nämlich die gezielte Manipulation eines Gruppenkontexts zur Optimierung der Passung zwischen Fragestellung und Design in der Marktforschung, wurde bisher noch nicht erkannt. In einem Kreismodell werden die Möglichkeiten des Designs anhand der vier häufigsten Fragestellungen im Bereich der Entwicklung und Evaluation von Produkten und Dienstleistungen mit den Faktoren Gruppenzusammensetzung, Anonymität, Kommunikationsqualität und Moderationstechnik dekliniert.

Joinson, A. (2001). Self-disclosure in computer-mediated communication: The role of self-awareness and visual anonymity. In European Journal of Social Psychology, 31, 177-192.

Postmes, T, Spears, R. & Lea, M. (1999). Social identity, normative content and 'deindividuation' in computer-mediated groups. In N. Ellemers, R. Spears & B. Doosje (Hrsg.), Social identity: context, commitment and content (S. 164-265). Oxford: Blackwell.


English: Currently, market researchers perceive the advantages of online focus groups over face-to-face (FtF) groups in their time- and cost-saving features and liberation from space limits. Their "newness" is (still) an incentive for recruiting participants. Instead of costly transcription, electronic protocols of the text-based computer-mediated communication (CMC) can be saved and used in subsequent quantitative and qualitative analysis and presentation of results. Thus, CMC gives the opportunity to conduct focus groups with a broader spectrum of research questions, in smaller time intervals and/or with larger samples.

Moreover, some researchers belief that participants of visual anonymous online groups communicate more self-disclosing and less socially desirable (i.e. Joinson, 2001). This notion neglects that not media features per se but specific variables of the design of online focus groups may elicit these effects but may suppress them as well. Postmes, Spears and Lea (1999) assume that in CMC, a more reliable prediction of social context effects is possible whereas a reliable prediction of group dynamics in FtF may be impeded by the ideosyncratic features of group members.

Up to now, this central advantage of online focus groups is not perceived by market researchers. In CMC, the reliable and specific manipulation of the group context can be used in order to optimize the fit between research question and design. In a circle model, possible design solutions concerning group composition, anonymity, communication quality and moderation method are assigned to the four most common research questions in the field of development and evaluation of products and services.

Joinson, A. (2001). Self-disclosure in computer-mediated communication: The role of self-awareness and visual anonymity. In European Journal of Social Psychology, 31, 177-192.

Postmes, T, Spears, R. & Lea, M. (1999). Social identity, normative content and 'deindividuation' in computer-mediated groups. In N. Ellemers, R. Spears & B. Doosje (eds.), Social identity: context, commitment and content (pp. 164-265). Oxford: Blackwell.


Article (version: 25/06/2002 - 07:47, size: 18860)
Einleitung

Fokus-Gruppen werden in der Marktforschung immer dann durchgeführt, wenn neue Produkte, Dienstleistungen und Werbemittel entwickelt und evaluiert werden sollen und bei welchen entweder die Bedürfnisse oder die Zusammensetzung der Zielgruppe unbekannt sind, so dass eine explorative und qualitative Vorgehensweise angezeigt ist. Immer wieder wird hervorgehoben, dass in Fokus-Gruppen im Vergleich zu Befragungen die Gruppendynamik genutzt werden soll, um ein möglichst grosses Spektrum an Meinungen zu erheben, wobei weitgehend ungeklärt bleibt, worin diese Gruppendynamik besteht und wie sie ausgelöst wird (vgl. z.B. Bristol & Fern, 1996; Melchers, 1994). Zeigt sich hier bereits ein theoretisches und methodologisches Defizit, verschärft sich dieses, wenn man Fokus-Gruppen online durchführen will, da Effekte der computervermittelten Kommunikation (cvK) auf die unspezifizierte "Gruppendynamik" wahrscheinlich, aber nicht vorhersagbar sind.

Die Vorteile von Online-Fokus-Gruppen im Vergleich zu Face-to-Face (FtF) werden gegenwärtig vor allem darin gesehen, dass sie zeit- und kostenökonomisch, flexibel und international durchzuführen sind. Sie wirken aufgrund des "Reiz des Neuen" (noch) als Incentive bei der Rekrutierung. Die früher aufwendig zu erstellenden Transkripte der Diskussionen werden als automatische Protokolle gleich mitgeliefert, was eine erhebliche Erleichterung der anschliessenden quantitativ-qualitativen Analyse und Ergebnispräsentation darstellt. Unerlässlich sind Online-Fokus-Gruppen in der e-Commerce-Forschung, da nur mit ihnen Websites ohne Medienbruch evaluiert werden können. Das textbasierte Medium "Computerkonferenzen" ermöglicht so Fokus-Gruppen zu einer breiteren Facette von Fragestellungen, in dichteren Zeitintervallen und/oder mit grösseren Stichproben. Auf Seiten der Auftraggeber jedoch stossen Online-Fokus-Gruppen auf eine geringe Akzeptanz, weil für diese nicht durchschaubar ist, welche Effekte das Medium auf die Qualität der Ergebnisse hat. Vorbehalte gegen Online-Fokus-Gruppen können nur dann aufgelöst werden, wenn die Marktforschung diese Effekte kontrollieren und kreativ zur Beantwortung von Fragestellungen einsetzen kann.

Die "Gruppendynamik" in Online-Fokus-Gruppen

In der Literatur hält sich die Vorstellung, dass die Teilnehmenden an Online-Fokus-Gruppen aufgrund der visuellen Anonymität mehr Offenheit im Anwortverhalten, mehr Selbstoffenbarungen und weniger soziale Erwünschtheit zeigen als in FtF-Gruppen (Joinson, 2001). Dabei wird jedoch übersehen, dass nicht Merkmale des Mediums per se zu diesen Gruppenergebnissen führen, sondern dass spezifische Variablen im Design der Online-Fokus-Gruppen oben genannte Effekte hervorrufen aber auch unterdrücken können. Entscheidender als das Medienmerkmal "visuelle Anonymität" ist das Ausmaß an psychologischer Anonymität, welche gezielt und fein abgestuft manipuliert werden kann, eben weil sich die Teilnehmenden nicht sehen und hören können (Postmes, Spears & Lea, 1999). So kann entsprechend der Fragestellung entschieden werden, ob keine, falsche oder persönliche Informationen über die anderen Teilnehmenden gegeben werden sollen. In FtF wirken ideosynkratische Merkmale von Gruppenmitgliedern, wie z.B. Attraktivität oder Charisma, auf die Gruppendynamik und erschweren deren Vorhersage. Diese Merkmale sind in cvK ausgefiltert oder abgeschwächt, so dass soziale Kontexthinweise eine höhere Relevanz gewinnen als in FtF. Je nachdem, ob diese Hinweise Informationen über den sozialen Status und die Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe oder persönliche Informationen geben, sehen sich die Teilnehmenden als Vertreter sozialer Kategorien und als homogene Gruppe oder als unterscheidbare Individuen.

Bislang zeigt weder die FtF- noch die cvK-Gruppenforschung, dass Gruppendiskussionen Meinungsvielfalt und Divergenz fördern, aber unzählige Studien und Praktiker berichten, dass Gruppenprozesse dazu tendieren zu konvergieren. So tritt in Fokus-Gruppen häufig das Phänomen auf, dass sich "schweigende Mehrheiten" bilden, die einem "Vielredner" zustimmen (Lamnek, 1998). Während in FtF-Gruppen diese Konvergenz als Konformität mit einem attraktiven oder statushöheren Gruppenmitglied oder der Majorität auftritt, tritt sie in cvK-Gruppen als Orientierung an der jeweils relevanten Gruppennorm auf, welche den Teilnehmenden zugänglich gemacht wurde (Postmes et al., 1999). In der Marktforschung gibt es jedoch nur wenige Bereiche, in welchen eine solche Konvergenz der Einstellungen der Fragestellung angemessen ist. Der breiteste Anwendungsbereich von Fokus-Gruppen findet sich in der Evaluation von neu entwickelten Produkten und Dienstleistungen, wobei viele und unterschiedliche Meinungen und Einstellungen erhoben werden sollen.

Die Optimierung der Passung zwischen Fragestellung und Design

Der zentrale Vorteil von Online-Fokus-Gruppen gegenüber FtF-Fokus-Gruppen, nämlich die gezielte Manipulation eines Gruppenkontexts zur Optimierung der Passung zwischen Fragestellung und Design, wurde in der Marktforschung bisher noch nicht erkannt und genutzt. Die Fragestellung determiniert auf der einen Seite, welche Ergebnisse von einer Gruppe erwartet werden und auf der anderen Seite, welche Ressourcen die Gruppe benötigt, um diese Ergebnisse zu erzielen. Die vier häufigsten Fragestellungen der Marktforschung sind im Bereich der Entwicklung die Ideenfindung und das Lösen von Problemen, und im Bereich der Evaluation die Erhebung von Meinungen und Einstellungen zu Produkten, Dienstleistungen und Werbemitteln und die Erhebung von Werten und Normen einer Zielgruppe.

In einem Kreismodell können der jeweiligen Fragestellung Gestaltungsempfehlungen von Fokus-Gruppen zugeordnet werden, welche die Passung von Gruppenkontext und -ergebnissen erhöhen. Dies geschieht in Anlehnung an das Group Task Circumplex Modell von McGrath (1984), welches zunächst Gruppenaufgaben in motorische, kreative, intellektuelle Aufgaben oder Verhandlungsaufgaben unterscheidet, um dann die spezifischen Anforderungen zu beschreiben, welche die jeweilige Aufgabe an die Gruppe stellt. Das Kreismodell zur Optimierung der Passung zwischen Fragestellung und Design von Fokus-Gruppen unterscheidet hingegen zwischen Fragestellungen im Bereich der Entwicklung (Ideenfindung und Problemlösen) und der Evaluation (Erhebung von Einstellungen und von Werten und Normen), um dann den spezifischen Gruppenkontext zu beschreiben, welcher die Produktivität der Gruppe erhöht (siehe Abbildung).

Als Faktoren, welche die Produktivität in Abhängigkeit von der Fragestellung erhöhen oder reduzieren können, wurden die Gruppenzusammensetzung, die Anonymität, die Kommunikationsqualität und die Moderationsmethode ausgewählt. Diese Faktoren sind in Bezug auf die Fragestellungen und das Medium bereits untersucht wurden, so dass Gestaltungsempfehlungen auf einer empirischen Basis möglich sind.

Die folgenden Designs für die Fragestellungen Problemlösen, Ideenfindung, Bewertung und Erhebung von Werten und Normen einer Zielgruppe werden an Beispielen aus der e-Commerce-Marktforschung dargestellt. In diesem Anwendungsbereich können Online-Fokus-Gruppen am elegantesten umgesetzt werden, auch wenn weitere Anwendungsfelder bereits erschlossen werden.

Problemlösen bei der Entwicklung eines Produkts oder einer Dienstleistung

Online-Fokus-Gruppen bieten sich an, wenn räumlich getrennte Expert/innen z.B. ein Problem bei der Entwicklung einer Software oder der Einrichtung eines Internet-Portals lösen sollen. Die Gruppenzusammensetzung sollte nach dem Merkmal Expertise heterogen sein, um den potentiellen Leistungsvorteil der Gruppe gegenüber dem einzelnen Individuum tatsächlich nutzen zu können (Boos & Sassenberg, 2000). Die Heterogenität kann jedoch leistungsmindernd wirken, wenn Status, Geschlecht etc. die Einflussmöglichkeiten auf die Lösung behindern. Deshalb sollte Bekanntheit zwischen den Gruppenmitgliedern hergestellt werden, indem individuierende Information über ihre Expertise gegeben wird, ansonsten aber die Anonymität aufrecht erhalten werden (Wood & Karten, 1986). Der Leistungsvorteil einer heterogenen Expertenrunde besteht im wechselseitigen Fehlerausgleich und in einer verstärkten Auseinandersetzung mit der Aufgabe aufgrund der konfligierenden Meinungen. Je divergenter jedoch die Problemrepräsentation in der Gruppe, desto aufwendiger ist der Kommunikationsprozess, um eine Übereinstimmung hinsichtlich der Problemlösung herzustellen. Der Kommunikationsprozess sollte deshalb durch eine Steigerung der Kommunikationsqualität mit Hilfe eines vorgeschalteten Chat-Trainings und einer strukturierenden Moderationstechnik unterstützt werden. Bei der Durchführung von Expertenrunden haben sich Softwarelösungen für die Gruppenarbeit bewährt, welche die Visualisierung von Problemfeldern und die Abstimmung unterstützen, wie z.B. die Metaplan- oder die Delphi-Technik, sowieso neuere Mediationstechniken.

Ideenfindung bei der Entwicklung einer Website

Wenn noch keine Beta-Version einer Website vorliegt, sondern es darum geht, möglichst viele kreative Ideen von möglichst unterschiedlichen Expert/innen oder Zielgruppenmitgliedern zu sammeln, sind Online-Fokus-Gruppen besonders empfehlenswert. Die Gruppenzusammensetzung sollte möglichst heterogen sein, um die Diversität zu fördern. Die visuelle Anonymität des Mediums sollte so genutzt werden, dass Bewertungsängste reduziert werden. Die größte Menge an Ideen ist zu erwarten, wenn Ideen nicht durch andere Gruppenmitglieder rezipiert oder bewertet werden, so dass die Produktionsblockierung in Gruppen reduziert wird (Diehl & Stroebe, 1991). Das Medium Computerkonferenzen zeichnet sich dadurch aus, dass aufgrund des Tippaufwandes und der Simultanität eine hohe kognitive Belastung entsteht, welche die Rezeption der Nachrichten von anderen Gruppenmitgliedern und die Bezugnahme auf diese drastisch reduziert. Im Gegensatz zur Produktionsblockierung in FtF tritt in cvK eine Aufmerksamkeitsblockierung auf, deren Effekt auf die Ideengenerierung vorteilhaft und nur für Problemlöse- und Entscheidungsfindungsgruppen problematisch ist (Straus, 1996). Deshalb sollte auf jede Intervention durch Trainings zur Steigerung der Medienkompetenz verzichtet werden, welche die Kommunikationsqualität und damit die Rezeption und die Bewertung von Ideen der anderen Gruppenmitglieder steigern könnte. Auch eine Moderation ist überflüssig, da weder eine Strukturierung anhand eines Leitfadens noch eine Unterstützung des Gesprächs zur Erhöhung der Kommunikationsqualität erforderlich sind. Die Ideensammlung sollte lediglich angeregt und auf ein Thema fokussiert werden, indem eine Zielsetzung vorgegeben wird. Teilnehmende an Computerkonferenzen orientieren sich zwar weniger an den Gesprächsbeiträgen der anderen Gruppenmitglieder, aber dafür um so stärker an einer vorgegebenen Makrostruktur bzw. an einem Thema (Matheson, 1992).

Erhebung von Einstellungen am Beispiel "Evaluation einer Website"

Wenn der Prototyp einer Website vorhanden ist oder der Relaunch einer bereits etablierten Website bevorsteht, können Online-Fokus-Gruppen als ein Modul in eine Usability-Studie integriert werden. Da bei dieser Fragestellung ein möglichst großes Spektrum an Meinungen und Bewertungen erhoben werden soll und eine kontroverse Diskussion ohne die sonst in Gruppen auftretende Konformitätsneigung erwünscht ist, sollte die Gruppe so heterogen wie möglich zusammengesetzt sein und als einzelne Individuen mit einer hohen Qualität kommunizieren. Heterogenität kann nach den Variablen Geschlecht, Alter, Familienstand, sozioökonomischer Status, Bildung, Expertise, Ethnizität und sexueller Orientierung hergestellt werden. Optimal ist eine Mischung, welche den Merkmalen verschiedener Zielgruppen entspricht. Damit sich die Teilnehmenden nicht als homogene Gruppe sondern als Individuen wahrnehmen, sollten sie in einer Vorstellungsrunde miteinander vertraut gemacht werden. Bekanntheit kann z.B. durch die Gabe biographischer Informationen hergestellt werden (Rezabek, 2000), welche aber nicht die Zugehörigkeit zu einer sozialen Kategorie salient machen sollten, wie z.B. die Angabe von "typisch weiblichen" oder "typisch männlichen" Hobbys (Postmes et al., 1999). Medienangepasstes Kommunikationsverhalten muss trainiert werden, damit die Simultanität des Mediums nicht zu konversationalen Chaos führt (Cornelius, 2001). In Chats treffen Nachrichten nicht in der intendierten Reihenfolge der Sender/innen ein, sondern im linearen Verarbeitungsmodus des Programms. Aufgrund der visuellen Anonymität können Gespräche nicht nonverbal reguliert werden. Wenn sich die Teilnehmenden nicht an das Medium anpassen, indem sie explizite verbale Bezüge auf Personen und Themen herstellen, kann kein gegenseitiges Verständnis stattfinden. Dies lässt sich jedoch effizient durch ein kurzes Chat-Training ausgleichen. Um es dem Moderator zu ermöglichen, auf den thematischen Leitfaden und die Inhalte zu fokussieren, kann ein Ko-Moderator zur Gesprächskoordination eingesetzt werden. Diese/r kann das gegenseitige Verständnis und letztlich auch die Lesbarkeit der Protokolle noch weiter steigern, indem er oder sie gesprächsfördernde Verhaltensweisen, wie Nachfragen, Spiegeln, Zusammenfassen etc., ausübt. Sowohl die Vertrautheit als auch die erhöhte Kommunikationsqualität steigern die Divergenz und die Diversität der Einstellungen.

Erhebung der Normen und Werte einer Zielgruppe

Wenn die Normen und Werte einer bereits definierten aber weitgehend unbekannten Zielgruppe erhoben werden sollen, um eine Marketingstrategie zu entwickeln oder der Kontakt zum Kunden verloren gegangen ist, wird empfohlen, die Online-Fokus-Gruppe homogen nach dem für die Zielgruppe relevanten Merkmal zusammen zu setzen (z.B. entsprechender Medienkonsum bei Splatter-Film-Fans). Die Gruppenmitglieder dürfen vor der Diskussion nicht miteinander vertraut gemacht werden, es darf keine biographische Information über sie gegeben werden und sie sollten sich über Pseudonyme einloggen, welche ihre Zugehörigkeit zur Ingroup salient machen. Die so hergestellte Anonymität erhöht die Orientierung an Gruppennormen (Postmes et al., 1999). Eine Erhöhung der Kommunikationsqualität durch ein Chat-Training oder Moderationstechnik sind nicht notwendig, weil es in solchen Gruppen allein auf die wahrgenommene Gruppenzugehörigkeit und nicht wie in Gruppen, die auf persönlichen Beziehungen basieren, auf die Kommunikationsqualität ankommt (Prentice, Miller & Lightdale, 1994). Da die Moderation aufgrund fehlender Information nicht an die Normen und Werte der Zielgruppe angepasst werden kann, sollte auf sie verzichtet werden. Ein Moderator oder eine Moderatorin, welche/r schnell als Mitglied der Outgroup erkannt wird, schadet der Diskussion mehr, als dass er/sie sie fördern könnte. Statt dessen sollte das interessierende Thema vorgegeben werden. Vor der Diskussion kann eine gruppenbildende Maßnahme, z.B. in Form eines online-games, durchgeführt werden.

Fazit

An dieser Stelle sei nur das kurze Fazit gezogen, dass zwar jeder Teilausschnitt des Kreismodells gut untersucht ist, aber nicht das Modell im Ganzen. So wurde beispielsweise bisher nicht untersucht, ob eine hohe Kommunikationsqualität in cvK tatsächlich der Ideenfindung hinderlich ist oder die Identifikation mit der Ingroup reduziert, sondern lediglich, dass eine hohe Kommunikationsqualität für diese Anwendungsbereiche nicht erforderlich ist. Auch zum Medienvergleich FtF- und Online-Gruppendiskussionen liegen derzeit noch zu wenige Studien vor, da die Faktoren Gruppenzusammensetzung, Anonymität und Kommunikationsqualität meist nur innerhalb eines Mediums variiert worden sind.

Da Fokus-Gruppen in der Marktforschung als qualitatives Instrument eingesetzt werden und der Erkenntnisgewinn meist schon nach zwei bis drei Diskussionen gesättigt ist, können hier keine Fallzahlen entstehen, welche vergleichende, empirische Studie ermöglichen würden. So müssen Einzelergebnisse aus sozial- und kommunikationspsychologischen Studien zusammengetragen werden, die zusammengesetzt ein ausreichend klares Bild vermitteln, um das Design von Online-Fokus-Gruppen zu optimieren.

Literatur

Boos, M. & Sassenberg, K. (2000). Koordination in verteilten Arbeitsgruppen. In E. H. Witte & C. Bleich (Hrsg.), Leistungsverbesserungen in aufgabenorientierten Kleingruppen. Pabst.

Bristol, T. & Fern, E.F. (1996). Exploring the atmosphere created by focus group interviews: comparing consumers' feelings across qualitative techniques. In Journal of the Market Reserach Society, Vol 8 (2)

Cornelius, C. (2001). Gegenseitiges Verständnis in Computerkonferenzen. Voraussetzungen und Folgen konversationaler Kohärenz in Entscheidungsfindungsgruppen im Medienvergleich. Münster: Waxmann.

Diehl, M. & Stroebe, W. (1991). Productivity loss in brainstorming groups: Toward the solution of a riddle. Journal of Personality and Social Psychology, 53, 497-509.

Joinson, A. (2001). Self-disclosure in computer-mediated communication: The role of self-awareness and visual anonymity. In European Journal of Social Psychology, 31, 177-192.

Lamnek, S.(1998). Gruppendiskussion- Theorie und Praxis. Weinheim: Beltz PVU. Matheson, K. (1992). Woman and computer technology: communicating with herself. In M. Lea (Hrsg.), Contexts of computer-mediated communication (S. 66-88). New York, NY: Harvester Wheatsheaf.

McGrath, J. E. (1984). Groups: Interaction and performance. Englewood Cliffs, N.J.: Prentice-Hall.

Melchers, C.B.(1994): Gruppendiskussion in der Marktforschung. In Planung & Analyse 2/1994, S. 5-9 und S. 32-36. Postmes, T, Spears, R. & Lea, M. (1999). Social identity, normative content and 'deindividuation' in computer-mediated groups. In N. Ellemers, R. Spears & B. Doosje (Hrsg.), Social identity: context, commitment and content (S. 164-265). Oxford: Blackwell.

Prentice, D. A., Miller, D. T. & Lightdale, J. R. (1994). Asymmetries in attachments to groups and to their members: distinguishing between common-identity and common-bond groups. Journal of Personality and Social Psychology, 20(5), 484-493.

Rezabek, R.J. (2000) Online Focus Groups: Electronic discussions for research. In Forum Qualitative Sozialforschung, (1) 1, URL: http://qualitative-research.net/fqs/fqs.htm

Straus, S. G. (1996). Getting a clue. The effects of communication media and information distribution on participation and performance in computer-mediated and face-to-face groups. Small Group Research, 27(1), 115-142.

Wood, W. & Karten, S. J. (1986). Sex differences in interaction style as a product of perceived sex differences in competence. Journal of Personality and Social Psychology, 50 (2), 341-347.