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GOR 2001 - contentThis is the http://kiwi.uni-psych.gwdg.de/congress/gor-2001/contrib/contrib/siepmann-rolf/siepmann-rolf Document. Main Author: Siepmann, Rolf Co-Authors: Oppermann, Daniela; Institution: Institut für Phonetik und Sprachliche Kommunikation, Ludwig-Maximilians-Universität München Contribution Title: Ein Online-Dialogexperiment mit Kontrastakzenten im Deutschen. Authors Email: Rolf.Siepmann@phonetik.uni-muenchen.de URLs:
Abstract German (version: 25/06/2002 - 07:47, size: 687) German: Die rapide Entwicklung des Internets eröffnet vielfältige Möglichkeiten für die wissenschaftliche Nutzung dieses Mediums. So können für die Phonetik etwa effizient verschiedene und umfangreiche Sprechergruppen erreicht werden, um empirische Daten über das gesprochene Deutsch und dessen Ausprägungen zu erheben. Dieser Beitrag stellt ein phonetisches Online-Experiment vor, das die Qualität des Verfahrens MOMEL zur akustischen Modellierung von Intonationsverläufen im Deutschen untersucht. Die mit dem Verfahren modellierten Sprachstimuli sind auf einer WWW-Seite in minimale Dialoge eingebettet. Die Aufgabe der Versuchspersonen ist die auditive Beurteilung der Kohärenz der Dialoge. Article (version: 25/06/2002 - 07:47, size: 14602)
Die rapide Entwicklung des Internets ist ein viel diskutiertes Phänomen. Der Bundesverband der Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien geht davon aus, dass gegen Ende des Jahres 2003 in etwa jeder zweite Deutsche das Internet per PC nutzt [1]. Die damit prognostizierte Zahl von ca. 40 Millionen Nutzern des Internets erhöht sich deutlich, wenn die zukünftige Anzahl der mobilen Internetzugänge in Deutschland hinzugezogen wird. Infolge wachsender Übertragungsraten ist zudem die - weitestgehend - problemlose Einbindung von speicherintensiven Dateien mit etwa Sprach- oder Grafikdaten in den elektronischen Kommunikationsprozess absehbar. In der deutschen Medienlandschaft ist dem Internet vornehmlich aus diesen Gründen zukünftig eine zentrale Rolle zuzuweisen1. Die phonetische Forschung kann infolge dieser Entwicklung effizient verschiedene, umfangreiche Sprechergruppen mit dem Ziel erreichen, empirisch valide Daten über das gesprochene Deutsch bzw. über dessen verschiedene Ausprägungen zu erheben. Eine übliche Klassifikation von Sprechern ist ihre regionale, dialektale und/oder soziolektale Zuordnung, wobei ein Sprecher grundsätzlich mehrfach zu klassifizieren ist. Vergleichbar mit den traditionellen Telefonbefragungen können repräsentative Erhebungen im Internet auf gezielten Anschreiben von bestimmten Sprechergruppen und/oder auf gezielten Werbeaktionen beruhen. Ein eingängiges Beispiel für die Schwierigkeit, phonetisch repräsentative Daten zu gewinnen, bilden Untersuchungen zum Standarddeutschen. Das Standarddeutsche ist dem Aussprachewörterbuch des Duden folgend eine einheitliche überregionale Gebrauchsnorm, die der Sprechwirklichkeit nur approximativ entspricht [3]. Eine entsprechende phonetische Untersuchung muss demnach zum einen unter dem Aspekt der Bevölkerungsstatistik repräsentative Probanden ermitteln, die diese Gebrauchsnorm in ihrem sprachlichen Verhalten beherrschen (können). Die Bestimmung von gesprochenem Standarddeutsch ist allerdings eine gleichermaßen empirische Frage, so dass an dieser Stelle zum anderen ebenfalls bevölkerungsstatistisch repräsentative Sprecherurteile erhoben werden müssen. Die Erhebung von empirisch-phonetischen Daten im Internet besteht einerseits aus der explorativen Datensammlung beispielsweise in Form von Fragebogen, die in der Regel auf entsprechend präsentierten akustischen Sprachproben aufbauen. Andererseits sind im Internet auch kontrollierte Experimente zur gezielten Überprüfung von phonetischen Hypothesen durchführbar. Dieser Beitrag stellt in Abschnitt 3 ein phonetisches Online-Dialogexperiment vor, das die Qualität eines Verfahrens zur Modellierung von Kontrastakzenten im Deutschen untersucht. Der theoretische Hintergrund des Experiments ist Gegenstand des folgenden Abschnitts.
Kontrastakzente (im Deutschen) sind formal gesehen lautliche Hervorhebungen von syntaktischen Einheiten eines geäußerten Satzes. Die lautlichen Hervorhebungen bestehen einer üblichen Auffassung folgend primär aus Veränderungen des Tonhöhenverlaufs des geäußerten Satzes, der akustisch mit dem Verlauf der Grundfrequenz (F0) korreliert. Eine in der alltäglichen Kommunikation häufig anzutreffende Funktion von Kontrastakzenten ist ihr Beitrag zu einer Satzbedeutung, in der eine lexikalische Gegenüberstellung der akzentuierten syntaktischen Einheit mit einer vergleichbaren syntaktischen Einheit aus dem Diskurskontext des entsprechenden Satzes zum Ausdruck gebracht wird [4]. In minimalen Dialogen zwischen zwei Sprechern A und B läßt sich diese Funktion von Kontrastakzenten leicht demonstrieren [5]:
A. Klaus bucht heute eine Reise. B. MONA bucht heute eine Reise.
Die Korrelation von wahrgenommenen Tonhöhenveränderungen und gemessenen F0-Verläufen in sprachlichen Äußerungen ist in der Phonetik im einzelnen umstritten. Das in Abschnitt 3 beschriebene Online-Dialogexperiment untersucht das neue automatische Verfahren MOMEL ('modelling melody'), welches bestimmte Zielpunkte in F0-Verläufen berechnet [6]. Die Zielpunkte bilden Korrelate von tonalen Wendepunkten, die in der dem Verfahren zugrundeliegenden Theorie konstitutiv für die Wahrnehmung des Tonhöhenverlaufs einer sprachlichen Äußerung sind. MOMEL ist in ein Softwaresystem integriert, das die visuelle und über eine Resynthese auditive Überprüfung der modellierten F0-Verläufe ermöglicht [7]. Damit können auch synthetische Sprachstimuli erzeugt werden, die einen mit dem MOMEL-Verfahren modellierten F0-Verlauf aufweisen. Die einzelnen Schritte des MOMEL-Verfahrens werden an dieser Stelle nicht behandelt; in dem vorliegenden Zusammenhang interessiert vielmehr die experimentelle Verwendung der resynthetisierten Sprachstimuli mit dem modellierten F0-Verlauf. Die resynthetisierten Sprachstimuli werden in dem im folgenden beschriebenen Online-Dialogexperiment mit dem Ziel verwendet, die Rolle der mit MOMEL berechneten F0-Zielpunkte bei der Manifestation von Kontrastakzenten im Deutschen zu untersuchen.
Das Dialogexperiment verwendet ein akustisches Korpus mit 15 Dialogen zwischen zwei Personen A und B, in denen B in einem geäußerten Satz stets zwei Kontrastakzente realisiert. Die B-Sätze wurden dabei jeweils von zwei Sprechern S1 und S2 realisiert; der folgende Dialog ist ein Beispiel des Korpus2:
A. Klaus bucht in den nächsten beiden Tagen eine Reise, und Mona auch. Ich glaube, Klaus bucht morgen eine Reise. B. MONA bucht HEUTE eine Reise.
Von den A-B-Dialogen wurde von Sprecher A jeweils nur der letzte Teil seiner Äußerung verwendet (z.B.: Klaus bucht morgen eine Reise). Die F0-Verläufe der Äußerungen der Sprecher S1 und S2 wurden mit dem oben genannten MOMEL-Verfahren modelliert. Die damit entstandenen neuen zwei mal 15 Dialoge A'-B' wurden in verschiedenen Experimentdurchläufen auf einer WWW-Seite einschließlich dreier Kontrolldialoge präsentiert. Die Kontrolldialoge sind Kombinationen von A'-B'-Dialogen, in denen der B'-Satz keine entsprechenden Kontrastakzente enthält.
Die Probanden hatten die Aufgabe, die Satzpaare A'-B' im Sinne eines natürlichen Dialogs als gut, einigermaßen oder schlecht zusammen passend zu beurteilen. Zusätzlich gab es die Option keine Bewertung, wenn ein Proband einen Dialog nicht beurteilen konnte. In dem Fall einer Beurteilung als gut oder einigermaßen passend wurde die MOMEL-Zielpunkte des F0-Verlaufs als relevante Parameter des entsprechend modellierten F0-Verlaufs angesehen. Ein CGI-Script protokollierte die aufgerufenen Sounddateien, so dass ungültige Experimentdurchläufe im Fall von nicht (vollständig) angehörten, aber beurteilten Dialogen ausgemustert werden konnten. Um eine möglichst breite Streuung der Probanden zu erreichen, wurde für das Online-Dialogexperiment mit einem Anschreiben per email an verschiedene im Internet vertretene Institutionen wie etwa Universitätsinstituten, Schulen oder Heimatvereinen geworben (Auswahl aufs Gradewohl). Zudem wurde das Experiment bei verschiedenen Suchmaschinen im Internet angemeldet. Die Probanden erhielten für ihre Teilnahme eine Telefonkarte im Wert von 6 DM. An dem Online-Dialogexperiment nahmen insgesamt 48 Probanden teil, die das Experiment vollständig durchführten. Tabelle 1 gibt die regionale Verteilung der Probanden wieder [9]3, die auf der Auswertung eines Formulars beruht, welches die 48 Probanden vor dem Beginn des Experiments ausfüllten (17 Männer, 31 Frauen)4; s.a. Abbildung 1.Von den Probanden beurteilten 16 die Varianten von Sprecher S1, und 32 Probanden beurteilten die entsprechenden Varianten des Sprechers S2. Insgesamt wurden somit 864 Beurteilungen getroffen, von denen 20 aus keine Bewertung bestanden. Die verbleibenen 844 Beurteilungen beinhalten 134 Beurteilungen von Kontrolldialogen, von denen 11% als gut, 32% als einigermaßen und 55% schlecht beurteilt wurden. Von den 710 Beurteilungen der passenden Dialoge wurden 49% als gut, 29% als einigermaßen und 29% als schlecht beurteilt.
Die vorwiegend positive Beurteilung der mit dem MOMEL-Verfahren modellierten Kontrastakzente weist auf die perzeptiv und auch funktional adäquate Modellierung der entsprechenden F0-Verläufe hin. Die F0-Zielpunkte des Verfahrens bilden damit relevante akustische Korrelate von Kontrastakzenten im Deutschen. Die regionale Verteilung der Probanden des Online-Dialogexperiments belegt darüber hinaus die Möglichkeiten des Internets, unterschiedliche Sprechergruppen zu erreichen. Eine Auswertung der LOG-Files des CGI-Scripts des Experiments ergab schließlich, dass sehr wenig Experimentabbrüche auftraten. Somit haben die meisten Internetnutzer, die das Experiment angefangen haben, den Durchlauf auch freiwillig beendet. Dieser Umstand ist als Vorteil gegenüber den traditionellen Laborexperimenten zu werten, in denen Probanden die Situation nicht ohne weiteres beenden können. Es ist mit anderen Worten davon auszugehen, dass die in dem Online-Dialogexperiment gesammelten Sprecherurteile eine hohe Validität aufweisen, weil die Probanden das Experiment nicht entgegen ihrer Motivation zu Ende geführt haben. Das letztgenannte Ergebnis entspricht Erfahrungen mit anderen psychologischen und soziologischen Online-Experimenten, in denen durch die Laborsituation entstehende Artefakte wie etwa der individuelle Einfluss des Experimentators auf den Experimentverlauf überwunden werden konnten [10]. Die im Internet im Vergleich zur Laborsituation bestehende größere Anonymität der Probanden und auch der Experimentatoren kann demnach ein authentischeres Verhalten der Probanden fördern, so dass valide Daten im Internet erhoben werden können.
[1] Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e.V. (BITKOM), Wege in die Informationsgesellschaft. Status quo und Perspektiven Deutschlands im internationalen Vergleich. Edition 2001. [2] ARD/ ZDF-Offline-Studie, Nichtnutzer von Online: Zugangsbarrieren bleiben bestehen. Media Perspektiven 8/ 2000. [3] Duden Aussprachewörterbuch (= Der Duden, Band 6). Mannheim: Dudenverlag, 1990. [4] Lieb, H.-H. (1999), Was ist Wortakzent? Eine Untersuchung am Beispiel des Deutschen. In: Schindler, W./ Untermann, J. (Hrsg.), Grippe, Kamm und Eulenspiegel. Festschrift für Elmar Seebold zum 65. Geburtstag. Berlin: de Gruyter, 225-261. [5] Lieb, H.-H. (1983), Akzent und Negation im Deutschen Umrisse einer einheitlichen Konzeption. Teil A. Linguistische Berichte 84, 1-32. [6] Hirst, D./ Di Christo, A./ Espesser, R. (2001), Levels of representation and levels of analysis for the description of intonation systems. In: Horne, M. (ed), Prosody: Theory and Experiment. Kluwer Academic Press. [hier Manuskript von D. Hirst verwendet]. [7] Mes Signaix package, s.u. http://www.lpl.univ-aix.fr/ext/projects/mes_signaix.htm/ [8] Siepmann, R. (2001), Phonetische Intonationsmodelle und die Parametrisierung von kontrastiven Satzakzenten im Deutschen. Dissertation, LMU München. [9] Burger, S./ Schiel, F. (1995), RVG 1 A Database for Regional Variants of Contemporary German. Proceedings of LREC, Granada 1995. [10] Hewson, C. M./ Laurent, D./ Vogel, C. M. (1996), Proper Methodologies for Psychological and Sociological Studies Conducted via the Internet. Behavior Research Methods, Instruments, and Computers 28(2), 186-191.
1) Diese Einschätzung teilen im übrigen auch Personen, die das Internet nicht nutzen [2]. 2) Die genaue Konstruktion des insgesamt 72 Dialoge umfassenden Korpus einschließlich der experimentellen Validierung der in den B-Sätzen realisierten Kontrastakzente beschreibt [8]. 3) Ort, in dem der Proband am längsten gelebt hat. 4) Einige Hinweise auf die Population der Internetnutzer finden sich unter http://www.w3b.de/. |